Psychoblog

jue

17

nov

2016

Das Stigma

 

 

Am 5. Oktober wurde der Tag der Epilepsie gefeiert.

 

 

"Epilepsie braucht Offenheit", war diesmal das Motto.

 

Wegen das Stigma. 

 

Den im XXI Jahrhundert hätte man gerne das Stigma dahinschwinden sehen, zusammen mit der Chimäre, Epilepsien gleich Geisteskranheit. 

 

Körperliche Krankheiten, auch wenn sie den Gehirn betreffen, werden weniger stigmatisiert. Für die kann niemanden was.

Körperliche Krankheiten werden besser akzeptiert. Man bildet sich ein, dass man sie besser verstünde, gerade weil sie körperlich sind. Weil man sie potentiell sehen kann.

 

Nun ist  Epilepsie doch so lange eine neurologische Störung und Betroffene fühlen sich trotzdem stigmatisiert.

 

Über den Stigma konnte man an dem Tag in einen Flyer lesen; 

 

 

"Das Stigma, das mit der Krankheit immer noch verbunden ist und das einen offenen Umgang mit ihr oft verhindert. Denn nur dann, wenn Menschen mit Epilepsie offen über ihre Krankheit sprechen können und nur dann, wenn sie kein Tabu mehr ist, wird klar, dass Epilepsie eine chronische Erkrankung ist wie andere auch."

 

und weiter...

 

 

"...braucht Epilepsie wirklich immer und voraussetzungslos Offenheit oder gibt es auch Situationen, in denen es berechtigte Gründe gibt, seine Epilepsie zunächst für sich selbst zu behalten? Führt mehr Offenheit zu einer besseren Akzeptanz der Erkrankung in der Öffentlichkeit oder wird mit ihr nicht auch manchmal das Gegenteil von dem Erreicht, was erreicht werden soll?“

Also scheinen Stigmata nicht einfach zu verschwinden, wenn man über sie redet. Dass die Wirklichkeit komplizierter -und manchmal auch grausamer- ist, wissen am besten die Betroffenen.

Den Epilepsien sind nicht nur Gehirnstörungen.

Es sind nicht nur die Anfälle. Manchmal rücken Anfälle sogar in den Hintergrund, wenn man mit Betroffene über deren Epilepsien spricht.

Und die Biographien, sind es, die sich im Vordergrund drängen.

 

Den die Hölle, die oft zur Krankheit gehört, wird nicht (nur) von den Anfällen verursacht.

"Die Hölle, -so Sartre- dass sind die Anderen".

 

Wir Anderen mit unseren Vorurteilen, Verboten, Ängste.

Mit unser streben nach Normalität;

Eltern, die sich über sie geschämt haben, Lehrer, die von ihnen wenig erwarteten, Kinder, die gemein zu ihnen waren, Arbeitgeber, die sie nicht anstellen wollten und manchmal auch Therapeuten, die unsensibel waren, und zuweilen weiter behandelt haben obwohl, wenn sie ehrlich gewesen wären,  sich hätten eingestehen sollen, dass sie nicht weiter wussten.

Wir machen das Stigma, und die Chimäre, das ist die Normalität, nach der wir streben.

 

 

 

 

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mié

21

sep

2016

Bildnis einer Frau (mit Familie im Hintegrund)

"Gestern packte mich urplötzlich eine fast verwegene Munterkeit.

 

Zum ersten mal in diesem Jahr verspürte ich die alte Lebenslust wieder, die Begierde wissen zu wollen, was der Tag für mich bringen würde.

 

Plötzlich drehte ich mich um, und sah das alte Bild meiner Klasse vor mir. Ich war zehn damals, irgendetwas schien mir klar zu werden, das die ganze Zeit schon bereit gelegen hatte, sich aber meinem Bewusstsein entzogen hatte. Zu meiner Überraschung muss ich zugeben,

 

dass ich nicht weiß wer ich eigentlich bin.

 

Ich habe nicht die blasseste Ahnung.

 

Ich habe immer getan was mir von den Leuten gesagt wurde.

Soweit ich zurückdenken kann, war ich immer gehorsam, anpassungsfähig... ja, fast demütig.

Jetzt wo ich daran denke fällt mir ein, dass ich als kleines Mädchen, ein oder zwei Mal, Ausbrüche von Geltungsbedürfnis hatte.

Ich erinnere mich aber auch, das Mutter solche Abweichungen von der Konvention, mit exemplarischer Härte bestrafte.

 

Für mich und meine Schwestern zielte die ganze Erziehung nur darauf, liebenswürdig zu sein.

 

Ich war ziemlich hässlich und auf diese Tatsache wurde ich ständig hingewiesen. Nach und nach fand ich heraus, dass es belohnt wurde, wenn ich meine Gedanken für mich behielt und wenn ich mich

einschmeichelnd und umsichtig verhielt.

 

Die ganz große Täuschung meiner Umgebung geschah jedoch erst während der Pubertät.

 

Alle meine Gedanken, Gefühle und Handlungen kreisten um die Erotik. Meine Eltern gegenüber ließ ich jedoch nichts davon bemerken. Übrigens auch niemand anders gegenüber.

 

Das Täuschen wurde mir zu zweite Natur.

Ich wurde verschlossen.

Was ich tat, tat ich heimlich.

Mein Vater wünschte dass ich, wie er, Anwalt werden sollte. Einmal machte ich eine Andeutung, dass ich lieber Schauspielerin werden wollte. Auf jeden Fall wollte ich irgendwas mit dem Theater zu tun haben.

Ich weiß noch, wie sie mich ausgelacht haben.

Seither habe ich weiter meine Umwelt ständig getäuscht.

 

Ich meine damit meine Beziehung zu anderen Menschen, meine Beziehungen zu Männern.

 

Es ist immer das selbe so tun als ob, es sind immer die gleiche verzweifelten Versuche es jedem recht zu machen.

 

Ich habe nie daran gedacht was ich möchte sondern immer:

"was möchte er, das ich möchte".

 

Das ist keine Selbstlosigkeit, wie ich zu glauben pflegte,

sondern die reine Feigheit.

 

Und, was noch schlimmer ist; völliges Unwissen wer ich bin.

 

In meinem Leben gab es nie dramatische Momente. Dazu bin ich wohl nicht begabt. Aber zum ersten male fühle ich heute eine heftige Gemütsbewegung bei den Gedanken herauszubekommen was ich eigentlich mit mir anfangen möchte.

 

In der netten kleinen Welt in der wir, Johan und ich, gelebt haben, gar nicht bewusst, sie stillschweigend hinnehmend, war so viel Brutalität und Grausamkeit, dass ich heute mehr und mehr Angst bekomme, wenn ich daran zurückdenke.

 

Für äußere Sicherheit zahlt man ein hohes Preis: die Hinnahme der permanenten Zerstörung der Persönlichkeit.

 

Es ist sehr leicht, die vorsichtige Versuche eines Kindes sich selbst zu behaupten gleich von Anfang an zu Deformieren.

 

Bei mir geschah es dadurch, das man mich mit einem Gift impfte, dessen

Wirkung hundertprozentig ist:

mit schlechtem Gewissen.

 

Schlechten Gewissen erstmals meiner Mutter gegenüber, dann den Menschen in meiner Umgebung gegenüber,

und schließlich, und das nicht zu knapp,

Jesus und Gott gegenüber.

 

Plötzlich erkenne ich, wie anders ich mich entwickelt hätte, hätte ich nicht zugelassen, dass man mich Gehirnwäschen unterzieht.

 

Heute muss ich mich fragen

ob ich nicht hoffnungslos verloren bin

ob ich nicht unfähig zu Freude an mir und an den anderen bin.

Ob diese jedem angeborene Kraft Freude zu empfinden tot ist oder ob sie nur schläft und wieder geweckt werden kann.

 

Ich frage mich, was für eine Ehefrau, was für eine Frau ich überhaupt geworden wäre, wäre es mir möglich gewesen, meine wirkliche Anlagen zu nutzen."

 

Auszug aus "Szenen einer Ehe" Ingmar Bergman

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vie

11

sep

2015

Der Antistruwwelpeter

"Wenn die Kinder artig sind,

kommt zu ihnen das Chriskind:

wenn sie alles in sich fressen,

Spiel´und Späße fast vergessen,

wenn sie ohne Lärm zu machen,

still sind bei den Siebensachen,

bei Spatziergehen auf den Gassen

stur und brav sich führen lassen,

dann passiert es nur zu leicht,

dass der Unsinn niemals weicht:

70 Jahre und noch länger

sind sie bange und noch bänger

vor Polente, Nachbarsfrau,

Gottes Thron und Kohlnklau.


Von den hochgestellten Leuten

lassen sie sich willig beuten.


Darum sei nicht fromm und brav

wie ein angepflocktes Schaf,

sonder wie die klugen Kinder

froh und frei.


Das ist gesünder."


 F.K Waechter

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mié

26

ago

2015

Brief an einem Kind


Warum sehen psychologische Befunde nicht so aus?

 

Liebe xxx,

 

Die Welt der Erwachsene ist so organisiert, dass viele wichtige Dinge keinen Platz mehr finden.

 

Ich habe dich mit unterschiedlichen neuropsychologischen Tests untersucht und feststellen können, dass es Aufgaben gibt die dir schwer fallen. Zum Beispiel scheint es so zu sein, dass du dich, bei Aufgaben die dir nicht gut gelingen, schlecht konzentrieren kannst.

 

Und ich weiß auch, dass dir das Lesen und Rechnen nicht so gut gelingt, wie du dir sicherlich gerne wünschen würdest.

 

Leider werden in unsere Gesellschaft, einige Fähigkeiten für sehr wichtig gehalten, andere dagegen nicht.

 

 

Und so denken manche Leute, man sei weniger klug wenn man bestimmte Sachen zu einer bestimmten Zeit nicht beherrscht. Wenn jemand aber nicht malen oder tanzen kann, dann finden es diese Leute nicht schlimm.

 

Ich denke es ist ein Fehler so zu denken.

 

 

Ich habe mit dir Tests gemacht, aber ich habe dich auch bei anderen Tätigkeiten beobachtet und bin überzeugt, dass du ein sehr kluges Mädchen bist.

 

Und damit du nicht denkst, dass ich dich einfach so loben möchte, will ich dir sagen, warum ich das denke.

 

 

Es waren zunächst deine Bilder, die mich beeindruckt haben. Du kannst wunderschön malen. Wenn du malst, dann wirkst du nicht mehr unsicher, dann arbeitest du entschlossen und zögerst nicht: das Ergebnis ist toll.

 

Wenn du malst dann scheinst du keine Angst zu haben Fehler zu machen.

 

Deine Bilder sind voller Phantasie. Ich habe sie in mein Büro aufgehängt, damit auch andere Kinder sie sehen können.

 

Ich glaube du bist auch ein sehr feinfühliger Mensch und eine sehr gute Beobachterin. Du hast dir mit viel interesse meine Bilder angeguckt und ausergewöhnliche Fragen gestellt. Es waren sehr kluge Fragen.

 

Deine Eltern haben mir bestätigt, dass du viel Phantasie hast und du dir beim Spielen viele interessante Dinge ausdenkst.

 

Niemand weiß sicher warum du Probleme in der Schule hast. Wahrscheinlich hattest du andere Sorgen und konntest dich im Klassenraum nicht konzentrieren. Und so hat sich nach und nach zu viel angehäuft was dir schwer fällt, und jetzt weiß du gar nicht mehr, wo du ansätzen sollst.

 

Aus lauter Verzweiflung hast du aufgegeben.

 

Eins ist sicher; du bist ein kluges Mädchen. Du brauchst aber Liebe, Geduld und Hilfe von den Erwachsene, und wenn du es bekommst, dann wirst du wieder lernen können.

 

Alles Gute!

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sáb

14

jun

2014

Melancholie

Dann ging ich in das Haus zurück und schrieb:

„Es ist Mitternacht.

Der Regen peitscht gegen die Scheiben.

Es war nicht Mitternacht,

es regnete nicht."

 

S. Beckett

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jue

21

nov

2013

Die Psychiatern

"Ich fürchte mich so vor der Psychiatern Wort.

Sie sprechen alles so deutlich aus.

Und dieses heißt Schizophrenie und jenes heißt ADHS,

und hier ist Normal und die Krankheit ist dort.

 

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,

sie wissen alles, was wird und war;

keine Geschichte ist ihnen mehr wunderbar;

ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

 

Ich will immer warnen und wehren:Bleibt fern.

Die Dinge singen hör ich so gern.

Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.

Ihr bringt mir alle die Dinge um."

 

(Nur leicht Modifiziert von Rainer Marie Rilke)

 

Dieses Gedicht ist nicht an einzelnen Psychiatern gerichtet. Es würde nicht zutreffen. Es geht um die gegenwärtige Psychiatriepraxis.

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dom

20

oct

2013

Das begabte Kind

 Der spanische Schriftsteller Javier Cercas stellte vor einigen Monaten sein Buch "Las leyes de la frontera" an dem Instituto Cervantes in Berlin vor.

 

Ich war von dem Menschen Cercas, den ich nur aus seinen wöchentlichen Artikel in "El Pais" kannte, begeistert. Er drückte sich mit der gleichen Schärfe und Klarheit aus, mit der er zu schreiben pflegt.

 

Interessant fand ich vor allem seine Theorie des "Blinden Flecks".

Was ist der blinde Fleck?

Wenn man zu schreiben beginnt, so Cercas, weiss man nicht mit Sicherheit, was am Ende entstehen wird, man hat zwar ein Konzept skizzieren und tausende Details im Kopf, aber der Akt des Schreibens ist ein kreativer Akt, der sich nicht ganz bewusst leiten lässt.

 

Unterwegs ragen Ideen empor, die nicht geplant waren; das ist auch das Faszinierende am Schreiben- oder an anderen künstlerichen Tätigkeiten.

 

So sei er selbst am meisten überrascht, als aus seinem Buch, anders als gedacht, am Ende eine Liebesgeschichte wurde.

 

Das ist ein blinder Fleck. Etwas das entsteht, ohne dass es geplant war. (Jemand sagte bezüglich der Kunst, dass ein Kunstwerk erst durch den Rezipienten vollendet wird.)

 

Wir Therapeuten arbeiten mindestens seit Freud mit dem blinden Fleck.

 

Man könnte die Therapie sogar als das Suchen nach dem blinden Fleck beschreiben. Wenn der blinde Fleck erscheint, wird alles lebendiger, die Emotionen beben und die Geschichte kann eine interessante Wendung bekommen.

 

Und, obwohl viele blinde Flecke in unser Leben existieren, sind die wichtigen, die wesentlichen, nicht so viele - und ähneln oft einander.

 

Alice Miller hat in ihrem berühmten Buch, "Das Drama des begabten Kind", einen von diesen blinden Flecken beschrieben; die Mutter*, oder besser gesagt, die Interaktion mit ihr.

Die Menschen, die Miller beschreibt, zeigen eine ähnliche Symptomatik im Erwachsenalter. Sie fühlen sich Erschöpft, Lebensmüde, oder Entfremdet, im klinischen Jargon spricht man hier über Dysthymia, eine chronische Depression.

 

Wenn man sich die Biographie dieser Menschen anguckt findet man manchmal kein offensichtliches traumatisches Erlebnis, oft wurden sie als Kinder von ihre Eltern, oberflächlich betrachtet, gut versorgt, gepflegt und sogar kognitiv stimuliert, sie wurden nicht offensichtlich vernachlässigt bzw. missbraucht.

 

Nein, es handelt sich hier um ein etwas Subtileres.

 

Zum Beispiel kam es nicht selten vor, dass sie Parentifiziert wurden, d.h. als Ersatz für einen abwesenden Erwachsenen benutzt wurden. Oder sie wurden einfach wie die Erwachsene behandelt, die sie noch nicht waren.

 

Die Eltern waren nicht imstande das Kind in ihnen wahrzunehmen, wahrscheinlich weil sie selber nie Kinder waren.

 

Uns so lernten diese Kinder sich entsprechend den Erwartungen zu verhalten; Nett sein, Wünsche der Eltern zu erraten und erfüllen, immer für die Eltern da sein und vor allem, nichts Unanständiges anzustellen.

 



*Wenn ich hier von Mutter spreche meine ich die erste Bezugsperson, die naturgemäß meistens die Mutter ist.

Wenn Miller von "begabten Kind" spricht meint sie nicht eine kognitiv überdurchschnittliche Begabung, sondern eher eine emotionale (Früh-)Reife. Diese Kinder waren Vorzeigekinder. Sie machten den Eltern nicht nur keine Probleme, im Gegenteil, sie waren eher die Ansprechpartner um Probleme zu diskutieren. Wärenddessen wurden die Eltern wahrscheinlich für Erziehungskompetenzen gelobt.

 

Und zurück zu den Kindern. Sie haben gelernt, sich wie Erwachsene zu Verhalten um gesehen zu werden und dieses Verhalten, dieses sich wie Erwachsene Verhalten, wird bald zu deren einziger Verhaltensmöglichkeit. 

Und obwohl diese vor-reife Verhaltensweisen  in der Kindheit Vorteile mit sich bringen - unter Erwachsenen-, haben sie auch Nachteile, zum Beispiel verhindern sie die Immersion in die kindliche Welt des Spielens. Das Kind behält immer eine Metasicht auf die Dinge, die es nie verlassen kann, und die von anderen Kinder als nervig empfunden wird, da die Metasicht keine Fehler toleriert und zu Kritik neigt.

Diese Kinder werden von Gleichaltrigen als arrogant, besserwisserisch, altklug o.ä. empfunden.

 

Und die langfristigen Folgen?

 

Da das Kind hat nicht die Möglichkeit gehabt, mit seinen eigenen Gefühlen zu experimentieren, sich zu spüren, da es begabt war und schnell bemerkte, dass seine Gefühle nicht gut und nicht willkommen waren und so bleibt sein eigenes Ich unterentwickelt. Dies führt dazu, dass es, nach Winnicott, eine geliehene Persönlichkeit entwickelt, ein "falsches Ich".

Und wenn es endlich wirklich Erwachsen wird, wird es vielleicht fühlen, dass es nicht Herr seines Lebens ist, das es nicht weiß, wofür es irgendwas tut oder es sich wie chronisch gelähmt und erschöpft fühlt.

Ich denke, wie Miller, dass in unserer Gesellschaft, das Gebot "du wirst Vater und Mutter ehren" sich als eines der hartnäckigsten hält - da keiner hier was auszusetzen hat. Wahrscheinlich liegen die Wurzeln dieses Gebots in dem angeborenen und tief veranckertem Wissen, dass man die Eltern für das Überleben braucht. (Dies ist auch der Grund, warum es so extrem selten ist, dass kleine Kinder ihre missbrauchende Eltern denunzieren; sie sind von ihnen abhängig.)

 

Und wie der Angestellte, der nach Hause kommt und die Wut, die seinem Chef gelten sollte auf seine Frau loslässt, so bevorzugen wir auch unsere Gefühle überall zu projizieren, nur nicht bei unseren Eltern - und wenn ja, nur kurz und oberflächlich. Irgendwo wissen wir, dass wenn wir es täten, sich eine tiefe Traurigkeit einstellen würde und die Bastionen, auf die wir unsere Persönlichkeit aufgebaut haben, wackeln würden.

 

Hier ist Miller gnadenlos; man muss sich den Gefühlen stellen und die Verantwortlichen - die Meistens die Elten sind - dafür ins Gericht ziehen.

 

Man darf sich aber fragen, ob diese  "private Rebellion" nötig ist um psychisch gesund zu werden, d.h. die Zügeln des eigenen Lebens in die Hand zu nehmen und sich wieder spüren zu lernen.

 Reicht es vielleicht nicht mit einer allgemeinen Rebellion, z.B. gegen den Status quo, die Globalisierung oder den Kapitalismus?

 

 

Das muss natürlich jeder für sich entscheiden.

Meiner Meinung nach ist die größte Gefahr, wenn man sich den eigenen Verletzungen nicht stellt, neben dem Fortbestehen der chronischen Unzufriedenheit, deren Weitergabe an die eigenen Kinder.

Die ewige Wiederkehr der Geschichte die nicht reflektiert wurde.

 

Und in diesen Punkt bin ich mit Miller einer Meinung: die Konfrontation kann sich lohnen.

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dom

01

sep

2013

Wer beschützt uns?

Der Mensch - und auch andere Tiere - verfügt über eine hohe Empfidsamkeit für die Wahrnehmung der Schwächen der Anderen.

Die Entdeckung einer solchen Schwäche, weckt nicht nur unsere Empathie; auch andere, niederere  Instinkte werden aktiviert, vor allem, wenn wir diese Schwäche eines Anderen als stabile Persönlichkeitseigenschaft interpretieren.

 

Dies ist eine soziale Realität.

 

Aber auch in dem Fall, dass wir die Schwäche als temporär und durch äußere Umstande verursacht wahrnehmen, ist unsere Empathie von begrenzter Dauer. Nach einiger Zeit, ohne dass wir gewarnt werden, verwandelt sich die ursprüngliche Empathie in Irritation. Möglicherweise ist die empfundene Ohnmacht -zusammen mit der menschlichen Abneigung für das Unheil- für dieser "Metamorphose der Gefühle" verantwortlich.

 

Behinderte Kinder sind oft Opfer von Mobbing. Dabei ist jedoch die Behinderung nicht immer allein dafür verantwortlich ; die Fähigkeit der  Eltern, das Kind zu lieben und zu schützen spielt eine erhebliche Rolle.

Im Falle von behinderten Kindern ist es ja aber so, dass Eltern wahrscheinlich nie ihre Kinder ganz werden schützen können - und das der schmale Grat zwischen Schützen und Überbehüten noch leichter zu überschreiten sein wird.

 

Aber auch normal begabte Kinder können aufgrund von Mangeln an Schutz und Liebe fürs Leben schwer geschädigt werden.

Bekanntermaßen kann Mobbing so subtil verlaufen, dass es für den Betroffenen fast unmöglich wird es zu benennen, geschweige denn es anzuzeigen. Und in den Schulen ist es machmal so, dass man nach den Motto handelt "Kinder sollen es untereinander lösen", was nicht grundsätzlich falsch sein muss.

Aber meistens schämen sich die Betroffen selbst gemobbt zu werden und es offen zuzugeben würde auch bedeutet, die eigene Schwächen öffentlich zu machen und sich selbst zuzugestehen, dass man alleine nicht zurecht kommt.

 

Es gibt auch eine andere Form von Mobbing, die nicht bewusst erfolgen muss und manchmal total unabsichtlich ist; das Ignorieren.

 

Die Betroffene sind meist unauffällige Menschen, die man nicht bemerkt, die da sind, aber irgendwie nicht zählen. Sie werden nicht als volle Individuen wahrgenommen und man denkt nicht daran, wie schmerzhaft dieses "ignoriert sein" sein kann. Sie existieren für uns nicht wirklich.

"Mein Freund Dahmer", von Derf Backderf, ist ein Comic der diese Art von Mobbing sehr genau und aus der Sicht eines "Mitläufers", beschreibt.

 

Backderf, der mit Dahmer im Gymnasium in einer Klasse war, und wie alle anderen seine dunkle Seite (er wurde ein Serienmörder) nicht bemerkt bzw. weit unterschätzt hatte, plagen Retrospektiv viele Fragen.

 

Der Autor beschreibt im Prolog den Schock, den er erlitt, als er in den Nachrichten über Dahmers Schiksal erfuhr. Und zum Glück, bleibt er nicht bei dieser banalen Feststellung stehen, sondern geht ein Schritt weiter und stellt sich viele wesentliche Fragen, Fragen die Psychologen, Therapeuten, Pädagogen, Ärzte und jede(n), die/der mit Kindern arbeitet, beschäftigen sollten.

 

Obwohl Backderf klarstellt - und man glaubt ihm -, dass zwischen ihm und Dahmer nie eine wirkliche Freunschaft existiert hatte, (er denkt das Dahmer überhapt nie richtige Freunde hatte,) sagt er auch das ihm Dahmer eine Zeit lang stark faszinierte.

 

Um die traumatische Verkennung der Person Dahmer zu verarbeiten, und die Fragen, die ihn seitdem plagten nachzugehen, schuf der Autor diesen Comic. Die Arbeit daran beschäftigte den Autor über zwanzig Jahre und bekam einen therapeutischen Charakter.

 

Wie war Dahmer  bevor er ein Mörder wurde?  Warum ist er überhaupt zum Mörder geworden? Hätte man es verhindern können?

 

Backderf beschreibt Dahmers Leben - vor allem seine Einsamkeit - auf eine so sensiblen Art, dass man es nicht anders kann, Mitleid mit den grausamen Serienmörder zu empfinden.

Interessant finde ich auch, dass er sein Leben mit dem von Dahmer vergleicht und uns vorführt, wie man sich irren kann, wenn man bei eine oberflächlichen Beschreibung der Lebensumstände eines Menschen bleibt - wie die Medien es meistens machen. Den Anschein nach waren Dahmers Lebensbedingungen sehr ähnlich zu denen des Autors.

Aber Dank der engen Bekanntschaft mit ihm hatte Backderf einen intimen Zugang zu seinem Leben und lässt uns hinter der Fassade blicken.

 

Dahmer ist, wie der Autor sagt, keine sympathische Figur, sondern eine tragische, unfähig unsere Sympathie zu wecken, aber wohl -wenn man das verlorene Kind in ihm erkennen kann- unsere Empathie. (Was natürlich seine Taten nicht entschuldigt; aber zum Teil erklärt).

 

Ignoriert im Gimnasium bleibt ihm als einzige Option wahrgenommen zu werden sein exzentrisches Verhalten, dass eine Zeit lang eine gewisse Ressonanz bei seiner Peergruppe findet und ihm kurzzeitig  die Ilusion gibt, dazuzugehören. (Den Clown zu spielen ist eine gewöhnliche Lösung ausgeschlossener Kinder - nach dem Motto; "besser belacht als ignoriert".)

 

Geplagt von der Frage, ob er Dahmer irgenwie hätte retten können, stellt der Autor die wesentliche -die Gretchenfrage:

 

Wo waren die Erwachsenen??

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dom

25

ago

2013

Shades of Love I

Das kenne ich gut, meinte meine Freundin.

 

Nach dem man Jahre lang dachte, eine stabile Beziehung zu führen und den Partner mit allen möglichen Tugenden ausgestattet hatte, -die man gerne an ihm haben wollte bzw. die man, als man verliebt war, zu endecken meinte- und lauter Gemeinsamkeiten angenommen hatte, geht es auf einmal rapide Berg ab.

 

Meistens wird der Prozess durch eine wichtige Entscheidung die ansteht beschleunigt. Plötzlich endeckt man, dass der Partner nicht der ist, für den man ihn gehalten hat.

Er hat eigene Wünsche.

Und das schlimmste: die sind mit den eigenen unvereinbar.

 

Eigentlich gibt es keine Hinweise, dass diese Skizze von Partnerschaft jemals anders gewesen ist. Aber vieleicht sind die heutigen Ansprüche an den Partner gestiegen bzw. ist die ideale Vorstellunge von Partnerschaft diffuser geworden. Vielleicht trifft auch nichts von beidem zu, sondern man war früher genau so unglücklich wie heute (aber man hat das Leid als zum Leben dazugehörend empfunden), oder man hatte wichtigere Probleme, oder man wusste einfach nicht - es gab nicht so viel Werbung - dass es überhaupt anders sein könnte.

 

Eva Illouz, hebräische Soziologin, analysiert was sie selber als "Die neue Liebesordnung" bezeichnet anhand des aktuellen Bestsellers "50 Shades of Grey".

 

Was ich an der These von Illouz vor allem interessant finde ist die Tatsache, dass sie sich an den -politisch inkorrekten- negativen Seiten der Assimilierung des Femminismus durch die Gesellschaft wagt.

 

Angefangen bei der Feststellung, dass Männer, die deren Gesetze - die des Femminismus-  gelernt haben, jegliche Spontaneität - und damit oft jegliche Initiative - beim Kontaktaufnehmen mit Frauen verlieren (da sie in dem Paradoxon gefangen sind eine sexuele Beziehung, und vieleicht auch mehr, zu wollen und dies gleichzeitig kaschieren zu müssen) bis zu Beobachtung, dass sich die moderne Frauen nach maskulinen Männern bzw. nach das Maskuline im Mann insgeheim seelisch sehnen.

 

Mit der letzten These erklärt Illouz den Erfolg des Romans.

Kurz zusammengefasst handelt es sich beim der Trilogie "50 Shades of Grey" um die Bemühungen von Anastasia, der Protagonistin, Liebe und Autonomie unter einen Hut zu bringen.

 

Anastasia verliebt sich in einen sehr atraktiver und extrem potenten Mann, der jedoch unfähig - und darüber sehr bewusst ist - sich zu binden. Die Beziehung beginnt als sexueles, sodamasochistisches Verhältnis, in dem es darum geht, Grey zu befriedigen. Ana akzeptiert -und geniesst- zunächst alle möglichen Demütigungen aber im Laufe des Romans wird ihr streben nach Autonomie immer mehr im Vordergrund treten.

 

Laut Illouz ist der Erfolg des Romans nicht - wie es auf dem ersten Blick erscheint- die erotische Beziehung zwischen den Beiden, sondern die Lösung die es bietet für die Dilemmata der heterosexuellen modernen westliche Paare.

 

Welche sind diese Dilemmata?

 

Laut Illouz:

  • Fehlende Klarheit der Rollen: Heutzutage wechseln Männer und Frauen weibliche und mänliche Züge um sich in androgyne Wesen zu verwandeln, dies erzeugt eine große Unsicherheit in der Beziehung; man weiß am Ende nicht, wie man sich verhalten soll. Die SM-Beziehung bietet eine Lösung dafür, in dem sie uns die potenziellen Möglichkeiten des Subjekts vor Augen führt, bestehende Rollen und Position zu übergehen. Studien die sich mit dem Thema befasst haben, zeigen, dass es in der Tat mächtige Männer in Führungspositionen sind, die den masochistischen Pat übernehmen, wenn sie sich in eine SM-Beziehung einlassen.
  • Der innewohnender Widerspruch bei der gleichzeitiger Suche nach Autonomie und Bindung. Dieser Wiederspruch erzeugt diffuse Ängste und die SM-Beziehung würde es erlauben, diese diffusen Ängste in konkretes physisches Leid umzuwandeln, den man darüber hinaus auch noch unter Kontrolle hätte. Wenn man daraus auch noch Lust gewinnen kann, dann bekommt das Ganze auch noch eine libidinöse Bedeutung.
  • Der konsensuelle Aspekt der Beziehung. Heterosexuelle moderne Beziehungen basieren auf Konsens, auf Verhandlungen. Die Erwartung, dass ein so unsexy Prozess auch noch Lust erzeugt bzw. sie aufrechterhält, hat sich als Ilusion entlarvt.

Die SM-Beziehung im Roman wird als Kompromiss zwischen den traditionellen (machistischen) Rollen un den modernen, die uns erlauben könnte, die positiven Seiten dieser beiden Rollen zu genießen.

 

Wonach sehnen wir uns den konkret?

 

Nochmals laut Illouz:

  • Nach klaren Rollen, die uns ein großes Maß an Sicherheit bieten würden. Gleichheit bedeutet hingegen mehr Freiheit - für die Frau - aber auch mehr Unsicherheit.
  • Aus einer ungleichen Beziehung, in der sich die Partner brauchen, weil sie über komplementäre Eigenschaften verfügen, entsteht leichter ein Bindungsbedürfnis als aus einer Beziehung, die auf Gleichheit beruht, in der man eher ein Gefühl für die eigene Bedürfnisse und Rechte erzeugt.
  • Zuletzt ist es die Entlastung, nicht ständig Verhandeln zu müssen, womit die Beziehung an Spontanität gewinnt (und an Kommunikationsbedürfnis ÜBER die Beziehung verliert).

 

Illouz meint, der Erfolgt des Romans liegt daran, dass Sie ein gegenwärtiger Aspekt des soziales Unbewusstes artikuliert:

die Verunsicherung - ich würde fast sagen Blockade- der moderne Heterosexuelen Paare.

 

Und sie scheint recht zu haben, wenn man sich extrem gestiegene Verkaufsquoten der sexuelen Spielzeuge -Hilfsmiteln- die im Buch auftreten in EEUU anguckt.

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